Sciebo - die Campuscloud

Die Cloud! Alle wollen in die Cloud! Studierende und Lehrende nutzen seit Jahren Dropbox, Google Drive und Microsoft OneDrive. Dabei handelt es sich jedoch um US-amerikanische Anbieter und diese sind in den letzten Jahren, nicht zuletzt aufgrund von Offenlegungen der Arbeitsweise der NSA in Kritik gekommen. Bereits 2011 haben sich IT-Beauftrage diverser Universitäten in Deutschland Gedanken darüber gemacht, wie man damit umgeht. Einerseits versteht man, dass solche Cloud-Dienste sehr praktisch sind, weil sie einen unkomplizierten Zugriff auf eigene Daten bieten und die Kollaboration mit anderen vereinfachen. Auf der anderen Seite stehen Datenschutzbedenken. Was passiert mit den Daten bei den unterschiedlichen Anbietern? Dürfen Wissenschaftler_innen überhaupt sensible Untersuchungsdaten mit solchen Cloud-Diensten verwalten oder vernachlässigen sie damit ihre Verantwortung? Wie sieht es mit Daten von und über Studierende aus, welche Lehrende in der Cloud verwalten? Kann man die Dienste nicht einfach verbieten?

Natürlich würde ein Verbot nicht viel bringen. Vor allem wäre es nur schwer überprüf- und damit durchsetzbar.

sciebo als nicht-kommerzielle Alternative

Ausgehend vom Zentrum für Informationsverarbeitung der WWU Münster, haben sich 12 Universitäten und 10 Fachhochschulen zusammengetan um eine eigene Cloud-Lösung für Studierende und Mitarbeiter_innen anzubieten: Sync & Share NRW -> sciebo.

Der Name könnte vom lateinischen „scire“ kommen. scibo – ich werde wissen, ich werde können. Mit dem ‚e‘ hat es dann noch etwas vom englischen „science“. Bestätigt wurde dies noch nicht.

Statt eine komplett eigene Lösung zu entwickeln setzt man auf das inzwischen quasi etablierte ownCloud. Das System ist bereits erprobt, bei vielen Einzelpersonen, aber auch größeren Organisationen im Einsatz und der vielleicht wichtigste Punkt: Es gibt Apps für die unterschiedlichen Endgeräte. Zusätzlich wird die ownCloud API von unterschiedlichen Programmen unterstützt.

Zu Beginn soll es drei Server-Standorte geben. Münster, Bonn und Duisburg-Essen. Wie viele ownCloud-Server je Standort betrieben werden ist noch nicht bekannt, aber insgesamt sollen 5 Petabyte Speichervolumen für 500.000 Personen zur Verfügung gestellt werden. Kostenlos. Für Betrieb und Wartung sind jeweils die IT-Abteilungen der Universitäten zuständig, wobei auch hier das ZIV der WWU Münster hauptverantwortlich ist.

Ist sciebo ein paar Jahre zu spät?

Ich habe mich 2008 bei Dropbox angemeldet und seitdem zahlreiche andere Anbieter ausprobiert, bin aber immer wieder zu Dropbox zurückgekehrt. Bis ich von OSX auf Windows 8.1 umstieg und OneDrive durch die tiefe Integration praktischer wurde. In meinem Bekanntenkreis habe ich in den letzten Monaten von mehreren Personen mitbekommen, dass sie sich eine eigene ownCloud aufgesetzt haben. Ich selbst bin demgegenüber auch nicht abgeneigt. Somit würde ich vorerst verneinen, dass sciebo zu spät kommt. Was ich bei Studierenden mitbekommen habe, gibt es wenig Umstiegswillen, weil Dropbox einfach funktioniert und man es schon überall eingerichtet hat. Beziehungsweise OneDrive ist einfach da und man muss sich um nichts kümmern. Dann gibt es auch noch unterschiedliche Kollaborations-Plattformen, die von den Unis zur Verfügung gestellt werden, die jedoch nur selten genutzt werden. Das hat jedoch viel mit Usability zu tun. Wenn ich Studierende bisher zu neuen Tools eingeladen habe, zuletzt OneNote, ist durchaus Bereitschaft da etwas neues zu nutzen, wenn es klar besser ist oder sie sich um fast nichts kümmern müssen.

Aus Sicht der Unabhängigkeit und des Datenschutzes ist sciebo der richtige Weg. Gerade für größere Forschungsprojekte sehe ich wenig Hindernisse bei der Akzeptanz des Angebots. Es sollte klar von den Universitäten empfohlen werden. Feature-mäßig und von der Usability sehe ich vorerst keine Schwierigkeiten.

Ob es auch von den Studierenden angenommen wird, ist eine andere Frage.

Die sciebo-Facebook-Kampagne

Bis das Projekt Anfang Februar 2015 offiziell verfügbar sein wird, versucht man es über Facebook-Gruppen den Studierenden schmackhaft zu machen. Was aktuell geplant ist, fühlt sich eher nach klassischen Push-Marketing an, als einem für Facebook-Gruppen geeigneten Dialog.

In der ersten Woche wird Name und Logo gepostet. Ohne weitere Informationen. Man wünscht sich wahrscheinlich, dass Studierende dadurch neugierig werden. Von bisherigen Kampagnen würde ich aber eher davon ausgehen, dass es einfach ignoriert wird. Als ich das Logo und Name das erste Mal gesehen habe, dachte ich, dass es sich um ein mittelmäßiges Startup handelt, das sich halt Studierende als Nische ausgesucht hat.

In der zweiten Woche versucht man durch „provokative“ Sprüche auf Probleme bestehender Anbieter aufmerksam zu machen und davon ausgehend die Besonderheiten von sciebo herauszuarbeiten. Das kann funktionieren, wenn die Sprüche wirklich gut sind. Wenn ich davon ausgehe, was ich bisher sah, wird das aber eher nicht so bombastisch ablaufen.

In der dritten Woche folgen „lustige“ Videos. Falls jemand inzwischen noch nicht genervt von den Postings ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es dann der Fall ist.

In der vierten Woche wird der Dienst TOTAL ÜBERRASCHEND enthüllt. Mit Erklärungs-Video und Link.

Während das theoretisch ganz okay klingt, neugierig machen, Stimmung machen und dann enthüllen, passt es mit der Realität in den Facebook-Gruppen nicht zusammen. Ich glaube auch, dass man in der Argumentation die falschen Schwerpunkte setzt. Dazu später mehr. Studierende sind in den Gruppen um Neuigkeiten rund um das Uni-Leben zu erfahren und sich untereinander auszutauschen. Marketing-Botschaften werden da eher als nervig empfunden. Ich hätte es besser gefunden, man wäre in die Gruppen gegangen, hätte offen vorgestellt, was man bisher gemacht hat, warum man es gemacht hat und warum es wichtig ist, um dann mit den Studierenden zu diskutieren. Das sind alles denkende Menschen. Man muss die Argumente nicht in Halbsätze runterbrechen und lustig verpacken.

Features von sciebo

Kurz zur Erinnerung: Dies ein von Microsoft unterstützter Blog ist. Mir wird nicht vorgeschrieben, was ich schreibe, aber ich nutze diverse Microsoft-Dienste, um besser darüber berichten zu können.

Screenshots von sciebo.de/features.
Features - Google Chrome 2014-12-31 14.29.51
Der in meinen Augen wichtigste Punkt. Weniger, dass sie dem deutschen Datenschutz unterliegen, sondern, dass sciebo von den Universitäten selbst betrieben wird. Ich glaube nicht, dass Microsoft, Dropbox oder Google Interesse daran hat, die von den Usern hochgeladenen Daten in irgendeiner Weise zu Geld zu machen, weil sie von den Usern selbst mehr haben als von einem einmaligen Ausverkauf. Aber Dinge können sich ändern. Das muss nicht bedeuten, dass Daten verkauft werden, sondern kann einfach bedeuten, dass man plötzlich mehr zahlen muss oder ein Service gar nicht mehr verfügbar ist. Und ähnliches. Dadurch, dass die Universitäten sciebo betreiben haben sie volle Kontrolle darüber. Selbst wenn ownCloud einmal nicht mehr existiert, könnte es von den Universitäten weiterentwickelt werden. Bei kommerziellen Anbietern ist man immer von diesen abhängig.

Features - Google Chrome 2014-12-31 14.38.43
30GB = Jumbo? Im Vergleich zu den 2GB, die man bei Dropbox im Basis-Account bekommt, sind 30GB viel. Im Vergleich zu den 1000GB, die viele Studierende im Rahmen des Student Advantage Benefit Programms (etwa an der Uni Paderborn) bisher bekamen, sind 30GB winzig. Inzwischen hat Microsoft auf unlimitierten Speicher aufgestockt. Google Drive hat 15GB, OneDrive für alle ebenfalls. 30GB sind gut und für die meisten Lehrenden und Studierende vollkommen ausreichend. Aber es ist nicht Jumbo und ich würde es nicht als eines der Hauptargumente nutzen.

Features - Google Chrome 2014-12-31 14.40.32
Finde ich gut. Die ownCloud Demo sieht gut aus und funktioniert problemlos.

Features - Google Chrome 2014-12-31 14.40.36
Sharing ist wichtig und scheint auch gut zu funktionieren. An eine direkte Integration in Word oder an die Flexibilität von OneNote kommt es nicht ran, aber das muss es vielleicht auch gar nicht.

Frühzeitiges Fazit

Noch ist sciebo nicht verfügbar, aber ich werde es ausprobieren, sobald es da ist. Wenn es gut funktioniert, könnte es ein gutes Vorbild für andere Universitäten sein. Es wird kommerzielle Dienste wahrscheinlich nicht verdrängen aber für bestimmte Nutzungsszenarien im universitären Umfeld ist es eine willkommene Alternative, die als zentralen Vorteil Unabhängigkeit bringt.

Update
Erste Sceenshots
Sciebo - Google Chrome 2015-01-09 13.04.32

Freigabe von Benutzer-Daten - Google Chrome 2015-01-09 13.04.54

Sciebo - Google Chrome 2015-01-09 13.05.20